Die Potentialprognose

von Andreas Schulz

Am Anfang einer Reaktivierungsplanung steht üblicherweise eine sogenannte Potentialprognose, mit der grob abgeschätzt wird, wieviele Fahrgäste in den künftigen Zügen sitzen werden. Niemand will schließlich eine Strecke reaktivieren, auf der nur leere Züge fahren. Wenn die Potentialprognose sehr niedrige Werte ergibt, kann man sich alle weiteren Planungen ersparen.

Wir haben es deshalb sehr begrüßt, dass die Landesregierung eine Potentialprognose zur Reaktivierungswürdigkeit von Bahnstrecken initiiert und die Strecke Leutkirch – Isny als 42. Strecke mit aufgenommen hat. Sehr überrascht waren wir allerdings, als die Gutachterin der vom Land beauftragten Firma ptv die Ergebnisse am 3.11.2020 bekannt gab. So kommt sie für die Strecke Leutkirch – Isny nur auf einen Wert von durchschnittlich 470 Fahrgästen und 830 Einsteigern pro Werktag. Isny wurde in die Kategorie D, die letzte von 4 Kategorien, eingeordnet. Dies erschien uns nicht nachvollziehbar, so dass wir eigene Überlegungen zum Potential anstellten und dabei 3 verschiedene Ansätze wählten.

Der erste Ansatz geht von den Fahrgastzahlen der heutigen Busse aus. Als Faustformel der Erfahrungen früherer Reaktivierungen gilt, dass bei gleicher Fahrzeit von Zug und Bus im Zug mindestens doppelt so viele Fahrgäste fahren wie im Bus (sogenannter „Schienenbonus“). Hintergrund ist die Erfahrung, dass Autofahrer im allgemeinen nicht auf Busse umsteigen, was durchaus verständlich ist, steht der Bus doch genauso im Stau und ist durch die Zwischenhalte immer langsamer. Ist der Zug schneller als der Bus, wie es bei Leutkirch – Isny zu erwarten ist (Bus ca. 40 – 45 Minuten, Zug etwa 25-30 Minuten Fahrzeit), ist mit deutlich mehr als einer Verdopplung der Fahrgastzahlen zu rechnen, z.B. einer Verdreifachung. Uns liegen die leider vertraulichen Besetzungszahlen der heutigen Busse nicht vor. Wir haben deshalb vorsichtig versucht, die Schülerzahlen anhand eigener Erhebungen etwas genauer abschätzen: Danach gibt es über 500 Schülerfahrten pro Schultag. Bei Regionalbussen machen Schüler häufig etwa 3/4 der Fahrgäste aus. Daraus ergäben sich werktäglich über 600 Fahrgäste pro Tag im Bus und, bei einer Verdopplung bis Verdreifachung, dann etwa 1200 bis 1800 im Zug.

Ein zweiter Ansatz zur Abschätzung der Fahrgastzahlen geht von den Einwohnerzahlen der anliegenden Orte aus. Hier gibt es die Faustformel, dass die Zahl der werktäglichen Ein- und Aussteiger etwa 10 bis 20 % der Einwohner ausmachen, wobei der untere Wert für einen ungünstig liegenden Bahnhof gilt, der obere für einen sehr günstig liegenden. So hat der Kemptener Hauptbahnhof bei ca. 65 000 Einwohnern zurzeit etwa 6500 Ein-/Aussteiger werktäglich. Der Bahnhof liegt hier bekanntlich ungünstig in Randlage. In Lindau mit ca. 25 000 Einwohnern und sehr zentral liegendem Bahnhof gibt es etwa 5000 Ein-/Aussteiger werktäglich. Bei Leutkirch – Isny ergäben sich für Leutkirch mit ca. 24 000 Einwohnern beim unteren Eckwert mindestens 2400 Ein-/Aussteiger pro Werktag, wobei hier zu berücksichtigen ist, dass dieser Wert für ein optimales Zugangebot mit täglichem Stundentakt gilt, das Leutkirch derzeit noch nicht hat, aber künftig zu unterstellen ist. Außerdem handelt es sich um die Summe aus allen Relationen, also in Leutkirch für Fahrgäste Richtung Memmingen, Kißlegg und Isny. Unterstellt man Richtung Isny ganz grob ein Drittel dieses Wertes, ergäben sich hier über 800 Ein-/Aussteiger werktäglich. In Isny mit 14 000 Einwohnern und damit mindestens 1400 Ein-/Aussteigern werktäglich sind auch die Richtungen nach Kempten, Wangen und Röthenbach zu berücksichtigen. Mit dem Schienenbonus (siehe oben) und der groben Annahme, dass sich die Fahrgäste etwa gleichmäßig auf die Richtungen aufteilen, ergäben sich nach Leutkirch dann 2/5 der 1400, also etwa 550 Ein-/Aussteiger pro Werktag, in den übrigen Relationen je 1/5. Beide Städte zusammen kämen damit auf über 1350 Fahrgäste pro Werktag. Zu erwähnen ist, dass die Einwohnerzahlen von Isny und Leutkirch in den vergangenen Jahren gestiegen sind und mit einem weiteren Zuwachs gerechnet wird.

Ein dritter Ansatz betrachtet die Pendler. Hier gibt es die schon genannten Schüler (über 500 Fahrten pro Schultag), die zu fast 100% die Bahn nutzen werden, da die Schulen in Leutkirch und Isny vsl. durch die Bahn sehr gut erschlossen werden. Daneben gibt es zwischen Leutkirch und Isny über 1700 erwachsene Pendler (Tabelle 1). Wieviele hiervon die Bahn nutzen werden, hängt stark davon ab, wie günstig die Bahn die Wohn- und Arbeitsplätze fußläufig erschließt. In Isny werden dies sehr viele sein, da die Bahn vsl. einen Haltepunkt im Gewerbegebiet erhalten wird. In Leutkirch könnte die Bahn das Gewerbegebiet im Norden erschließen, da die Strecke nach Memmingen genau hindurch fährt. Erforderlich wäre aber ein neuer Haltepunkt an der bestehenden Strecke und ein guter Anschluss von Isny. Die erreichbaren Anteile der Bahn dürften zwischen über 50 %, z.B. nach München und Stuttgart (von Kempten nach München beträgt der Anteil der Bahn derzeit über 70%), und annähernd 0 (wenn mehrfach umgestiegen werden muss), liegen. Grob geschätzt wäre die Bahnfahrt für etwa 600 Pendler aus Tabelle 1 attraktiv. Wir rechnen, dass etwa 20 bis 40 % davon später die Bahn auch nutzen. Durch die Klimaschutzmaßnahmen wird dieser Wert in Zukunft sicher weiter steigen. Die so erhaltenen Zahlen sind zu verdoppeln, um daraus die Fahrgastzahlen zu erhalten, da Pendler ja im Allgemeinen am gleichen Tag hin- und zurück fahren. Das ergibt etwa 250 bis 500 Pendlerfahrten werktäglich. Zu den Pendlerzahlen kommen dann noch die Fahrgäste des Freizeit- und Gelegenheitsverkehrs dazu, deren Abschätzung erfahrungsgemäß mit sehr großer Unsicherheit verbunden ist. Wir rechnen hier mit einem eher hohen Wert von 40 bis 50 % des Pendlerverkehrs, da an der Strecke der Centerparcs mit 1,2 Mio. Übernachtungen pro Jahr (höchster Wert im Landkreis Ravensburg) und Isny mit über 500 000 Übernachtungen pro Jahr (zweithöchster Wert im Landkreis) liegen. Auch bei diesem Ansatz kommt man damit auf mindestens 1250 Fahrgäste pro Werktag.

Damit kann ein Potential von über 1000 Fahrgästen erwartet werden, also etwa doppelt soviele, wie von ptv prognostiziert. Zu vermuten ist daher, dass das ptv-Gutachten erhebliche Mängel und unrealistische Ansätze enthält.

Bemerkenswert ist auch, dass fast alle Strecken, denen ptv ein hohes Potential attestiert, im dicht besiedelten mittleren Neckarraum liegen und gleichzeitig nicht nur Leutkirch – Isny, sondern die meisten Strecken in Oberschwaben und anderen ländlichen Räumen sehr schlecht abschneiden. Offensichtlich bevorzugt das eingesetzte Prognoseprogramm Ballungs- und Verdichtungsräume. Das ist insoweit nachvollziehbar, als es bisher in Deutschland nur wenige Reaktivierungen im ländlichen Raum gibt und sich die Erfahrungen der Gutachter daher auf realisierte Projekte in Verdichtungsräumen beschränken müssen. Es kann daher vermutet werden, dass man im ländlichen Raum aus Unsicherheit zu sehr auf die sogenannte „sichere Seite“ gegangen ist.

Konkret vermuten wir im Falle Leutkirch – Isny, dass nicht berücksichtigt wurde, dass

– die wiederaufzubauende Strecke vsl. wesentlich ortsnäher liegen wird als die abgebaute und daher die Siedlungen wesentlich besser erschlossen werden,

– der Centerparcs in Leutkirch und die zahlreichen Kurkliniken in Isny mit zusammen über 1,7 Mio. Gästeübernachtungen pro Jahr (die höchsten Werte im Landkreis Ravensburg) ein erhebliches Verkehrsaufkommen generieren,

– der bedeutende Bahn-Fernverkehr von Isny nach Norddeutschland, der sich auch in den Verkaufszahlen des Fahrkartenschalters in Isny niederschlägt und derzeit hauptsächlich über Kempten läuft, sich nach der Inbetriebnahme der Elektrifizierung der Bahnstrecke München – Leutkirch – Lindau und der Fertigstellung  Neubaustrecke Stuttgart – Ulm  mit ihren erheblich kürzeren Fahrzeiten künftig auf Leutkirch konzentrieren wird,

– das erhebliche Potential aus den direkt an Isny angrenzenden bayerischen Gebieten nicht oder nur unzureichend gewichtet wurde,

– das Ringzugprojekt des Landkreises nicht berücksichtigt wurde, das vsl. zusätzliche Potentiale für den öffentlichen Verkehr generieren wird, die auch zu Mehrverkehr zwischen Leutkirch und Isny führen werden, z.B. der angedachte Ausbau und die Beschleunigung der Strecke Aulendorf – Kißlegg.

Dass der Gutachter nur sehr oberflächlich gearbeitet hat sieht man auch daran, dass er für die Strecke Leutkirch – Isny empfiehlt, „Gelegenheitsverkehr und touristischen Verkehr prüfen“, also z.B. einen Verkehr wie derzeit an einigen Sommerwochenenden nach Bad Wurzach oder das Öchsle in Ochsenhausen. Offensichtlich hat der Gutachter keine Ortskenntnisse. Sonst hätte er diesen Vorschlag sicher nicht gemacht.

Es ist daher jetzt vordringlich, dass das Gutachten vertieft und auf eine solide Datenbasis gestellt wird. Sehr erfreulich ist, dass Minister Hermann diese Möglichkeit bei der Präsentation am 3.11.2020 von sich aus ansprach und zusagte, dass bei entsprechenden Ergebnissen eine Höherstufung von Strecken möglich sei. Aufgrund der oben gemachten Abschätzungen erwarten wir, dass die Strecke Leutkirch – Isny dann in die Kategorie B (mehr als durchschnittlich 750 Fahrgäste pro Werktag: „Hohes Nachfragepotential“) aufrückt. Ab dieser Kategorie ist das Land bereit, später sämtliche Kosten des laufenden Zugbetriebs für einen täglichen Stundentakt zu übernehmen.

Wir fordern daher, dass die Potentialprognose nochmals in enger Abstimmung mit der betroffenen Region und unter Einschluss des Ringzugprojektes gründlich vertieft wird und auf dieser Basis eine Machbarkeitsstudie erstellt wird (die das Land jetzt mit 75% fördert), um verlässliche und belastbare Entscheidungsgrundlagen für das weitere Vorgehen zu bekommen.

Tabelle 1: Berufspendler Isny – Leutkirch

WohnortArbeitsortAnzahlEntfernungPkmIm Jahr
LeutkirchIsny5941710.098 
IsnyLeutkirch357176.069 
IsnyBad Wurzach2334782 
Bad WurzachIsny66342244 
IsnyKißlegg62221364 
KißleggIsny105222310 
IsnyMemmingen64462944 
MemmingenIsny25461150 
Bad WaldseeIsny28461288 
IsnyBad Waldsee24461104 
IsnyUlm24952280 
IsnyStuttgart271854995 
IsnyMünchen271594293 
AitrachIsny1036360 
AichstettenIsny34311054 
WolfeggIsny1630480 
LeutkirchLindenberg62372294 
LeutkirchMaierhöfen1423322 
LeutkirchRötenbach1729493 
LeutkirchWeiler-Simmerberg1237444 
LeutkirchImmenstadt1942798 
LeutkirchWeitnau1327351 
LeutkirchSonthofen1163693 
GrünenbachLeutkirch1127297 
MaierhöfenLeutkirch1623368 
Weiler-SimmerbergLeutkirch1037370 
BuchenbergLeutkirch2133693 
WeitnauLeutkirch38271026 
Summe 173028,8874997421.988.784

An 220 Arbeitstagen werden auf der Straße durch die Pendler 21.988.784 km zurückgelegt.

Tabelle 2: Alle Orte in Baden-Württemberg über 10000 Einwohner, die größer sind als Isny ohne Bahn- oder Strassenbahnanschluss

    
NrNameKreisEinwohner
1SchrambergRottweil21148
2TettnangBodenseekreis19437
3PfullingenReutlingen18657
4BrackenheimHeilbronn16147
5KünzelsauHohenlohekreis15450
6MarkgröningenLudwigsburg14799
7Bad WurzachRavensburg14607
8BrühlRhein-Neckar-Kreis14321
9Isny im AllgäuRavensburg14191

Anmerkung 1: Als Mindestwert für eine Reaktivierung gilt häufig ein Wert von 500 Fahrgästen pro Werktag (Summe aus beiden Fahrtrichtungen). Dieser Grenzwert gilt z.B. in der Schweiz als Bedingung für einen täglichen Stundentakt, wie er auch für Leutkirch – Isny angestrebt wird. In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts galten in Bayern die 500 auch als Grenzwert für die damals häufigen Streckenstilllegungen. Strecken mit über 500 werktäglichen Fahrgästen wurden erhalten. Ein strengerer Maßstab sind 1000 Fahrgäste je Werktag, die manche Bundesländer, die Reaktivierungen skeptischer sehen, als Grenzwert für Reaktivierungen fordern. Ab diesem Wert ist die Bahnwürdigkeit einer Strecke bundesweit außerhalb jeder Diskussion.

Anmerkung 2: Potentialprognosen sind nicht unumstritten. In der Praxis hat sich leider häufig gezeigt, dass die Prognosen bei der späteren Realisierung der Projekte nicht eintrafen.  Bei Reaktivierungen, gerade auch in Baden-Württemberg, wurden später oft viel höhere Fahrgastzahlen erreicht, als in der Prognose erwartet wurden. Ursache ist, dass man zwar die Zahlen der Pendler, insbesondere der Schüler, recht genau vorhersagen kann, nicht jedoch den Bereich des sogenannten Freizeit- und Gelegenheitsverkehrs, der in den letzten Jahren, nicht nur bei der Bahn, stark gestiegen ist. Bei Strecken im touristischen Gebieten, wie dem Allgäu, ist diese Ungenauigkeit von Prognosen daher naturgemäß besonders hoch.

Anmerkung 3: Zu berücksichtigen sind noch 3 verschiedene Definitionen von „Fahrgast“. Bei der ersten Definition, die die höchsten Fahrgastzahlen ergibt, zählt jeder Einsteiger in den Zug als Fahrgast. Da dann ein Fahrgast, der nur eine Station fährt, genauso viel zählt wie einer, der die ganze Strecke fährt, wird diese Definition nur selten verwendet. Außerdem führt diese Definition dazu, dass längere Strecken automatisch höhere Fahrgastzahlen ergeben. Bei einer zweiten Definition wird deshalb die durchschnittliche Besetzung der Züge ermittelt, die sich aus der Multiplikation jedes Fahrgastes mit den vom ihm gefahrenen Kilometern geteilt durch die Streckenlänge ergibt. Diese Definition ergibt sehr niedrige Werte und wurde deshalb früher gern verwendet, wenn man Streckenstilllegungen begründen wollte. Heute verwenden sie noch die Länder, die Reaktivierungen skeptisch beurteilen. Am weitesten verbreitet ist eine dritte Definition, die maximale Querschnittsbelastung, die z.B. bei S-Bahnen oder in Verbundräumen üblich ist. Dieser Wert ergibt sich aus der Summe der Besetzungszahlen aller Züge auf dem Streckenabschnitt, wo dieser Wert am höchsten ist. Er ist unabhängig davon, wie weit die Fahrgäste fahren und wie lang die Strecke ist. Außerdem kann daraus abgeleitet werden, wieviel Platzkapazität die Züge benötigen. Da zwischen Leutkirch und Isny die meisten Fahrgäste die ganz Strecke befahren werden, dürfte hier der Unterschied zwischen den Definitionen eher gering ausfallen.

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